Zettelkasten

 

 

 

 

Photo: PD A. Kohnle,
Universität Heidelberg,
Galerie Historisches Seminar

http://www.historisches-seminar.uni-hd.de/galerie/kohnle/Seiten/Zettelkasten.htm                  

Niklas Luhmann: Kommunikation mit Zettelkästen.

In: Horst Baier, Hans Mathias Kepplinger, Kurt Reumann
(Hrsg.): Öffentliche Meinung und sozialer Wandel. West-
deutscher Verlag, Opladen 1981

 

   "Wie der Titel bereits andeutet, ist der Aspekt der Kom-
munikation, genauer gesagt, der schriftlichen Kommunika-
tion grundlegend. Ohne zu schreiben, stellt Luhmann fest,
kann man nicht denken, jedenfalls nicht in wissenschaft-
lich anschlussfähiger Weise. Darüber hinaus, so fährt er
fort, gehört zu jeder Kommunikation, dass Differenzen
markiert, also Unterscheidungen, Rangfolgen, Wertungen
und damit bestimmte Ordnungsprinzipien festgelegt wer-
den. Wenn man nun auf diese Weise kommuniziert, dann
lässt 'sich im System der Notizen ein kompetenter Kom-
munikationspartner schaffen' - eben der Zettelkasten. Al-
lerdings muss noch eine weitere Bedingung erfüllt sein.
Zur Kommunikation gehört nämlich auch, dass sich die an
ihr beteiligten Partner wechselseitig überraschen können:
Ihre Übereinstimmung darf nicht von vornherein gesichert
sein, weil es sonst überhaupt keinen Grund gäbe, mitein-
ander zu kommunizieren. Wie aber soll in das 'System der
Notizen' das Unvorhersehbare, der Zufall eingebaut wer-
den? Für Luhmann ist das eine Frage der richtigen Ord-
nung. So entscheidet er sich bei der Einrichtung seines
Zettelkastens gegen eine thematische Sachordnung und
für eine numerische Stellordnung. Auf diese Weise wird
eine Art 'Wachstum nach innen' möglich, je nachdem, was
an Gedanken anfällt, ohne 'systematische Vorprogram-
mierung und ohne Bindung an sequentielle Linearität'. Aus
dem Zettelkasten wird eine 'Art Zweitgedächtnis, ein alter
ego' mit einem 'von seinem Autor unabhängigen Eigenle-
ben'. Es kann ihn jetzt mit unerwarteten, längst aus der
Erinnerung verschwundenen Querverweisen überraschen.
Solche Überraschungseffekte werden als Zufälle wahrge-
nommen, als Kontingenz, worunter Luhmann etwas ver-
steht, das möglich, aber nicht notwendig, also immer auch
anders möglich ist. Die Kontingenz ist ins System inte-
griert, und Luhmann hat den Zufall unter Dach und Fach:
wie ein Springteufel hüpft er aus dem (Zettel-)Kasten und
kehrt dorthin wieder zurück. Das auf den ersten Blick un-
scheinbare Arbeitsgerät mutiert bei näherem Hinsehen
zum originären Anwendungsfall der Systemtheorie, mehr
noch, er ist die konkrete - von den Büchern Luhmanns
einmal abgesehen, vielleicht sogar die einzige - Manife-
station einer Anwendung de Systemtheorie auf sich
selbst. Die Aussage 'Ordnung ist das halbe Leben' lässt
sich jetzt besser verstehen."

Christian Schlüter: "Springteufel der
Kontingenz. Selbstgespräche eines
Zettelkastens. Niklas Luhmann über
Organisation, Politik und Religion." In:
DIE ZEIT Nr. 51, 14.12.2000, S. 34

 

 

(Für die Inhalte der verlinkten Seiten verantworte ich mich ausdrücklich nicht.)

 

 

 

Verfasserin:

Katrin Lederer Dipl.-Ing. Architektur
E-Mail:
katrinlederer@web.de

 

Seite zuletzt aktualisiert am:
12.05.2005

   zurück zur Übersicht

Zettelkasten   
Architekturtheorie